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30. November 2020

Wenn es in der Seele wehtut…

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Plötzlich geht nichts mehr. Das Denken, Fühlen und Handeln ist beeinträchtigt, die Welt entgleitet. Man weiß weder ein noch aus. Ängste, Zweifel, Depressionen bestimmen das Leben. Hinzu kommt die Verzweiflung, weil man nicht weiß, an wen man sich wenden soll. Inmitten der Coronakrise scheint es oftmals noch schwieriger, Hilfe zu bekommen, um aus der scheinbar ausweglosen Situation herauszukommen. Rasche und auf Wunsch anonyme Hilfe bietet der Psychosoziale Krisendienst. An sieben Tagen die Woche.


Die Corona-Pandemie ist eine Gesundheitskrise – auch, was die seelische Gesundheit betrifft. Die damit einhergehenden einschneidenden Veränderungen des Alltags, verbunden mit Existenzängsten, Sorgen und Unsicherheiten setzen auch Menschen zu, die psychisch stabil sind. „Es gibt bereits den Begriff der psychosozialen Pandemie, weil viele Menschen von dieser Coronakrise betroffen sind – von den Auswirkungen des Lockdowns, von Schulschließungen, Arbeitsplatzverlust oder Kurzarbeit. Die Menschen fürchten sich einerseits vor der Erkrankung, gleichzeitig leiden viele unter den psychosozialen Folgeerscheinungen, mit denen in den nächsten Monaten – wenn nicht sogar Jahren – auch vermehrt zu rechnen ist“, betont Christian Haring vom Verein Suchthilfe Tirol, der gemeinsam mit dem Verein Psychosozialer Pflegedienst Tirol (PSP Tirol) das Angebot des Psychosozialen Krisendiensts aufgebaut hat.

Leicht erreichbares Angebot bei seelischen Belastungssituationen oder Krisen

„Der Psychosoziale Krisendienst ist eine neu eingerichtete Struktur, getragen vom Land Tirol und finanzieller Beteiligung aller Sozialversicherungen. Es handelt sich dabei um ein leicht erreichbares Angebot für Menschen in seelischen Belastungssituationen oder Krisen“, berichtet Haring. Der Psychosoziale Krisendienst besteht aus zwei Bausteinen: Der Bedarf einer telefonischen Anlaufstelle für die professionelle seelische Unterstützung von Menschen zeigte sich bereits während des ersten Lockdowns. Sehr rasch wurde daher aus gegebenem Anlass die Corona-Sorgen-Hotline initiiert, um Personen, die Hilfe benötigten, zu unterstützen. Für den Psychosozialen Krisendienst am Wochenende gab es hingegen bereits lange Vorarbeiten und Abstimmungen. Den aktuellen Erfordernissen entsprechend wurden diese beiden Systeme zusammengeführt. „Die Betroffenen erhalten unter der Nummer 0800 400 120 von Montag bis Freitag von 8 bis 20 Uhr Unterstützung und Hilfe und werden, wenn nötig, an die für sie passenden Versorgungsstrukturen verwiesen. Am Wochenende von Freitag bis Montag ist das Angebot des Psychosozialen Krisendienstes ebenfalls verfügbar und zudem um die Möglichkeit erweitert, Klientinnen und Klienten zu Hause zu betreuen. Wir stehen bereit, um gemeinsam mit den Hilfesuchenden einen Weg aus der jeweiligen Krise zu finden und in weiterer Folge die richtige Betreuung und Versorgung für die betroffene Person sicherzustellen“, erläutert Haring.

Erreichbarkeit Psychosozialer Krisendienst

Nummer: 0800 400 120
MO bis DO: 8 bis 20 Uhr
Freitag: 8 bis 16.30 Uhr
SA bis SO: rund um die Uhr (ab Freitag 16.30 bis Montag 8 Uhr)
Feiertage: rund um die Uhr 

Land Tirol / ChristianHaring / Zum Vergrößern auf das Bild klicken
„Es gibt bereits den Begriff der psychosozialen Pandemie, weil viele Menschen von dieser Coronakrise betroffen sind – von den Auswirkungen des Lockdowns, von Schulschließungen, Arbeitsplatzverlust oder Kurzarbeit. Der Psychosoziale Krisendienst ist ein leicht erreichbares Angebot für Menschen in seelischen Belastungssituationen oder Krisen.“
Christian Haring, Verein Suchthilfe Tirol und Projektleiter des Psychosozialen Krisendienstes

Land Tirol / IsabelCovi2 / Zum Vergrößern auf das Bild klicken

„Das Telefon ist sehr hilfreich“

Interview mit Isabel Covi, Psychotherapeutin und Mitarbeiterin beim Psychosozialen Krisendienst

Frau Covi, welche Probleme und Nöte haben die Anruferinnen und Anrufer des Psychosozialen Krisendienstes?
Die Menschen wenden sich zumeist in Krisensituationen an uns – das können zum Beispiel familiäre oder Beziehungskonflikte, Verlusterlebnisse oder Lebensveränderungskrisen sein. Was inzwischen sehr häufig vorkommt, sind Belastungen aufgrund der Coronakrise.
Wie laufen diese Telefonate ab?
Im Grunde geht es darum, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen und sich anzuhören, was die betroffenen Menschen erzählen. Es geht darum, einen Überblick über ihre aktuelle Problemlage zu bekommen und in weiterer Folge Problemlösungsschritte zu besprechen. Das kann sehr entlastend sein.
Gibt es Anruferinnen und Anrufer, die zum ersten Mal aufgrund einer psychischen Belastungssituation Hilfe suchen?
Für Personen, die noch nie psychosoziale Unterstützung in Anspruch genommen haben, ist das Telefon als Kommunikationsmöglichkeit sehr hilfreich: Die Menschen tun sich oft leichter anzurufen als persönlich zu einer Anlaufstelle zu gehen. Sie können anonym bleiben, sie können zu jeder Tageszeit zum Hörer greifen – das nimmt ein bisschen die Hemmschwelle und ermöglicht es, einfach und ehrlich über die eigenen Probleme zu reden.
Welche Gespräche mit Ratsuchenden erleben Sie in Ihrer Tätigkeit sehr oft?
Ein anonymisiertes Beispiel aus der Praxis ist etwa der Anruf einer jungen alleinerziehenden zweifachen Mutter vor einigen Tagen. Sie war sehr belastet durch die kürzlich erfolgte Trennung von ihrem Partner. Erschwerend kamen die existentiellen Ängste aufgrund der Coronapandemie hinzu. Sie hatte Sorge, dass Kindergarten und Schule geschlossen werden und sie ihrer Arbeit nicht mehr nachkommen kann.
Haben Sie einen Appell an Menschen in seelischen Notlagen?
Ich würde jeder und jedem raten anzurufen, weil man in einem Gespräch besser nach Lösungen suchen und sie auch finden kann. Jeder Mensch kann im Laufe seines Lebens in eine psychosoziale Krise geraten. Aber Krisen können auch eine Chance und einen Wendepunkt im Leben darstellen.

Den Filmbeitrag zum Artikel finden Sie hier:
www.youtube.com/unserlandtirol 
 

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