07. Dezember 2022

Teuerungen. Wie geht es weiter?

von Bettina Sax
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Professor Gottfried Tappeiner ist an der Universität Innsbruck als Experte der Wirtschafts- und Regionalökonomie tätig. Im Teuerungsrat nimmt
auch er durch seine Expertise und Erfahrung eine wesentliche beratende Funktion ein.
Darüber hat die Tiroler Landeszeitung mit Professor Gottfried Tappeiner von der Universität Innsbruck gesprochen. Professor Tappeiner ist Wirtschaftsforscher am Institut für Wirtschaftstheorie, -politik und -geschichte und Experte im Bereich der Wirtschafts- bzw. Regionalökonomie.

Tiroler Landeszeitung: Herr Tappeiner, wie schätzen Sie die Situation derzeit ein: Haben wir den Teuerungs-Höhepunkt bereits erreicht? Professor Tappeiner: Mit Sicherheit kann das niemand sagen, aber derzeit sehen wir keine Treiber für eine derart hohe Inflation. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass die Inflation in den nächsten Monaten deutlich aber langsam zurückgeht. Wie werden sich die Preise für Energie und Lebensmittel langfristig entwickeln? Wann können wir wieder mit „normalen“ Preisen rechnen?
Professor Tappeiner: Die Preise für Energie werden sich mit Sicherheit etwas normalisieren. Erste Anzeichen dafür sieht man bereits auf den Märkten für Öl und Gas. Was genau im Jahr 2023 passieren wird, wenn die Gasreserven wieder aufgefüllt werden müssen, kann man nicht mit Sicherheit sagen. Klar ist aber auch, dass die Energiepreise nicht mehr auf das Niveau vor der Krise sinken werden, weil Energie prinzipiell knapper wird und weil die notwendige Energiewende den Umstieg auf andere Energiequellen erfordert. Helfen kann hier nur eine Entwicklung hin zu mehr Energieautonomie. Dies sollte man nicht mit Autarkie verwechseln: Eine Abschottung zum Beispiel des Tiroler Strommarktes wäre eine ganz falsche Entwicklung. Bei Lebensmitteln wird es auch zu einer Beruhigung bei den Preisen kommen – einen großen Rückgang sehe ich nicht, eher eine Stabilisierung auf dem derzeitigen Niveau. Bei steigenden Löhnen (wie es derzeit auch bei den Kollektivvertragsabschlüssen zu sehen ist/war) bedeutet das aber auch ein leichtes Sinken der realen Preise. (Anmerkung der Redaktion – Beispiel für „realer Preis“: Je nach Lohnniveau sind Güter individuell günstiger/teurer. Kostet ein Apfel zuvor einen Euro, kann man mit einem Lohn von 100 Euro 100 Äpfel kaufen. Steigt der Apfelpreis auf 1,20 Euro und das Einkommen auf 150 Euro, kann man 125 Äpfel kaufen. Der reale Preis für Äpfel sinkt also, weil man trotz des höheren Apfelpreises durch den höheren Lohn mehr Äpfel kaufen kann.)

Tiroler Landeszeitung: Inwieweit denken Sie, dass die aktuellen Teuerungen die Wirtschaftskreisläufe generell beeinflussen bzw. nachhaltig verändern werden? In welchen Bereichen wird es zu (keinen) Veränderungen auf Dauer kommen?
Professor Tappeiner: Dass die Inflation zurückgeht, bedeutet nicht, dass die Preise zurückgehen, sondern nur, dass sie weniger schnell steigen. Zwei Effekte sind aber relativ deutlich zu erkennen: Energie und andere CO2 -relevante Produkte werden auf Dauer im Verhältnis zu anderen Produkten teurer bleiben und man wird die Abhängigkeit von einzelnen Lieferländern reduzieren müssen. Das bedeutet aber zwangsläufig, dass man einen Teil der Kostenvorteile dieser Globalisierung verlieren wird. Mehr Sicherheit in den Lieferketten ist nicht zum Nulltarif zu haben.

Tiroler Landeszeitung: Was sind derzeit die wesentlichen Faktoren, die Einfluss auf die Teuerungen haben?
Professor Tappeiner: Die Auslöser für die Teuerung sind sicher die Unterbrechung der Lieferketten durch die Pandemie und die Verknappung von Lebensmitteln und Gas durch den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine. Diese Impulse sind auf ein Gebiet mit einer extrem lockeren Geldpolitik und niederen Zinsen gestoßen. Dementsprechend war ihre Wirkung gewaltig. Derzeit wird die Inflation mehr durch die zweite Wirkungsebene beeinflusst: Hohe Preissteigerungen führen zu hohen Kollektivvertragsabschlüssen und damit zu höheren Lohnkosten in praktisch allen Branchen. Dazu kommen – allerdings weniger bedeutsam – auch einige Mitnahmeeffekte, wo man die allgemeine Preissteigerung nutzt, um die eigenen Preise auch etwas anzuheben.

Tiroler Landeszeitung: Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung dieser Faktoren ein?
Professor Tappeiner: Wie bereits gesagt, denke ich, dass die Inflation zurückgeht, sie uns aber auf einem niedrigeren Niveau länger begleiten wird, weil ein Preisimpuls im Wirtschaftskreislauf – auch über die folgenden Anpassungen – nicht schlagartig aus dem System verschwindet. Man muss allerdings sagen, dass eine Inflation, beispielsweise von fünf Prozent, die über längere Zeit stabil bleibt, deutlich weniger problematisch ist als das unerwartete Hochschießen der Inflation von beispielsweise zwei auf zehn Prozent. Dies vor dem Hintergrund, weil sich das System auf eine stabile Inflation weit besser einstellen kann.

Tiroler Landeszeitung: Gibt es Ihrer Meinung nach auch etwas Positives, das wir aus der aktuellen Situation mitnehmen können?
Professor Tappeiner: Es klingt immer zynisch, wenn man in einer Situation, in der viele Menschen unter der Teuerung massiv leiden, von positiven Effekten in der Zukunft spricht. Es ist aber klar, dass eine höhere Autonomie bei den Lieferketten auf europäischer Ebene und der massive Ausbau erneuerbarer Energie unser Wirtschaftssystem stärken wird. Man hat auch gesehen, dass die öffentliche Hand Schwierigkeiten hat – selbst wenn der Wille und die Mittel vorhanden sind – zielgerichtet betroffenen Menschen zu helfen. Ich denke die Erfahrung wird ein Impuls sein, die Mechanismen der Unterstützung weiter zu entwickeln und zu verbessern. 

Tiroler Landeszeitung: Wie verorten Sie Tirol in diesem Prozess? Wo sehen Sie hier Tirols Stärken?
Professor Tappeiner: Inflation ist in der Zwischenzeit ein Phänomen, das weit über die Grenzen einzelner Staaten hinausgeht. Es ist aber klar, dass ein soziales System, das eine starke Basis hat und eine große Vielfalt aufweist, solche schwierigen Anpassungsprozesse besser bewältigt als andere Regionen. Österreich hat durch sein föderales System (auch wenn es manchmal etwas schwerfällig ist) dafür gute Voraussetzungen. Tirol im Speziellen hat eine extrem vielfältige Wirtschaftsstruktur und auch eine starke Zivilgesellschaft. Ein hoher Anteil an ‚grüner Energie‘ durch die Stromproduktion ist sicher hilfreich. Allerdings wird man auch hier überlegen müssen, wie diese Stärken unter den geänderten Rahmenbedingungen optimal zur Geltung kommen.

Vielen Dank für das Gespräch! 
 

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