Januar 1945. Gemeinsam mit einer anderen Insassin arbeitet Leokadia Justman im Küchentrakt des Innsbrucker Polizeigefängnisses, als plötzlich Bomben eine Bresche in die Mauerfront schlagen. Leokadia und ihre Freundin stehen vor einer Entscheidung, die über Leben und Tod bestimmt. Fliehen – oder sterben?
Den Ausbruch aus dem Polizeigefängnis und weitere fesselnde Ausschnitte aus ihrer Überlebensgeschichte beleuchtet die neue Sonderausstellung „Leokadia Justman. Brechen wir aus! Als polnische Jüdin auf der Flucht in Tirol“ im Innsbrucker Landhaus. Die Präsentation basiert auf Leokadias autobiografischem Bericht – dem ersten literarischen Textzeugnis einer Holocaust-Überlebenden aus Tirol.
Ein Leben auf der Flucht
Das Schicksal Leokadias nimmt bereits einige Jahre früher seinen Lauf: Nach dem waghalsigen Ausbruch aus dem Warschauer Ghetto lässt sich ihre Mutter in das NS-Vernichtungslager Treblinka (Polen) deportieren, um das Leben ihrer Tochter zu retten. Unter falscher Identität gelingt Leokadia gemeinsam mit ihrem Vater Jakob die Flucht nach Tirol. Letztendlich kann sie der NS-Verfolgung entgehen – nicht zuletzt durch das selbstlose Einschreiten mehrerer Tiroler Frauen und Polizisten.
Bekenntnis für das Erinnern
Mit der 2023 ins Leben gerufenen Ausstellung „Vom Gauhaus zum Landhaus. Ein Tiroler NS-Bau und seine Geschichte“ setzte das Land Tirol bereits ein deutliches Zeichen für lebendige Erinnerungskultur und machte Tirols Geschichte während der NS-Zeit einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Sie bildet auch künftig die Rahmenausstellung, deren Inhalte im Landhaus in neuer Form besichtigt werden können. Die gesamte Ausstellung kann online in einem 360°-Rundgang digital besucht werden.
Ausstellungen treffen auf breite Resonanz
Die Zahlen sprechen für sich: Innerhalb der Bevölkerung stießen die bisherigen Vermittlungsangebote des Landes auf reges Interesse. „Mehr als 12.500 Menschen und 49 Schulklassen haben innerhalb eines Jahres den lange verschwiegenen Täterort im Landhaus besucht und sich mit diesem dunklen Kapitel der Geschichte auseinandergesetzt. Mit dem Fortführen als virtuelle Ausstellung wollen wir insbesondere junge Menschen aufklären, informieren und sensibilisieren“, betont LH Anton Mattle und fügt hinzu: „Wir leben Erinnerungskultur auf Augenhöhe, mit einem niederschwelligen Vermittlungsansatz und bis in den digitalen Raum hinein.“ Die neue Sonderpräsentation zu Leokadia Justman sei damit nur ein weiterer konsequenter Schritt gegen das Vergessen. „Die Vergangenheit können wir nicht ungeschehen machen – sehr wohl aber liegt es in unser aller Verantwortung, dass sich solche Gräueltaten niemals wiederholen“, fasst der Landeshauptmann zusammen.
Ein historischer Ort als Lehr- und Lernraum
Ein säuberlich gezeichneter Stadtplan Innsbrucks, interaktive Monitore und Interview-Mitschnitte von Leokadias Nachfahren – die Ausstellungsinhalte sind Teil eines multimedialen Ensembles und lassen die Fluchtgeschichte lebendig werden. Besonders ins Auge sticht der Nachbau des damaligen Polizei- gefängnisses, das in Anspielung an ein ehemaliges Hotel zynisch als „Sonne“ bezeichnet wurde. „Das Polizeigefängnis beim Innsbrucker Bahnhof, aus dem Leokadia Justman am 18. Jänner 1945 mit ihrer Freundin ausgebrochen ist, ist in Vergessenheit geraten. Seine düstere Rolle als Sammelpunkt für die Deportation vieler Häftlinge in Konzentrationslager wird in Videos und einem Modell gezeigt“, informieren die beiden Kuratoren Niko Hofinger und Dominik Markl. Bespielt werden die ehemaligen Büroräumlichkeiten der Gauleitung, die im 1938/1939 neu errichteten Gauhaus als Schaltstelle für die hiesigen Parteidienst- stellen fungierten. „Es ist ein starkes und wichtiges Zeichen, dass die Ausstellung gerade im sogenannten ‚Gauleiter- Hofer-Zimmer‘ gezeigt wird – einem Raum, der wie kaum ein anderer die düsteren Kapitel der NS-Zeit symbolisiert“, unterstreichen die Kuratoren. Mit Personenkärtchen leitet die Ausstellung dazu an, sich in die Geschichte einzufühlen und sich selbst mit Fragen zu konfrontieren. „Welche Rollen spielten Leokadias Bekannte und Mithäftlinge? Wer waren die Helfer und wer die Verfolger? Information für alle Altersstufen ist so um einen spielerischen Zugang besonders für Jugendliche ergänzt“, fassen Hofinger und Markl zusammen.
Was bleibt? Lernen aus der Geschichte
Die aktuelle Ausstellung ist weit mehr als eine rein historische Dokumentation. Das Land Tirol bietet ein umfangreiches Vermittlungsprogramm, darunter auch ein Angebot speziell für Schulklassen. Von der vierten Klasse Volksschule bis ins Maturajahr sind SchülerInnen dazu eingeladen, die Schauplätze in Innsbruck kennenzulernen und mehr Einblicke in den NS-Verfolgungsapparat zu erhalten. Während der einstündigen Führungen sollen die Kinder und Jugendlichen nachvollziehen, wie das mutige Handeln Einzelner das nationalsozialistische Machtsystem durchbrechen konnte, betont LH Mattle: „Das Schicksal der Leokadia Justman ist ein eindrückliches Zeugnis von Überlebenswillen und Solidarität inmitten der unmenschlichen Verfolgung durch das NS-Regime. Ihre Geschichte ist ein Appell an uns alle, demokratische Werte wie Pluralität, Solidarität und Gleichberechtigung zu wahren.“