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29. Jänner 2021

„Die Impfung ist unser Weg aus der Krise“

von Interview: Jakob Kathrein
Prof. Günter Weiss sieht in der Corona-Impfung derzeit die einzige Möglichkeit, zur Normalität zurückzukehren.
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Prof. Günter Weiss sieht in der Corona-Impfung derzeit die einzige Möglichkeit, zur Normalität zurückzukehren.
Universitätsprofessor Dr. Günter Weiss, Direktor der Innsbrucker Universitätsklinik für Innere Medizin, spricht im Interview mit der Tiroler Landeszeitung über die Corona-Impfung und räumt dabei auch mit einigen Mythen auf.

Land Tirol: Herr Prof. Weiss, welche Bedeutung hat die Corona-Impfung?

Günter Weiss: Die Corona-Pandemie ist eine Herausforderung von nie dagewesenem Ausmaß. Wir haben derzeit keine geeigneten Medikamente zur Verfügung, um Corona-Infektionen gut behandeln zu können. Der Weg aus der Krise in Richtung Normalität kann nur über die Impfung führen. Die Impfung ist neben den Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen die einzige Möglichkeit, um sich zu schützen. Das gilt insbesondere für jene Risikogruppen, die mit einem schweren Verlauf der Krankheit rechnen müssen.

Was antworten Sie jenen Menschen, die sagen …
… dass der Corona-Impfstoff nicht sicher ist und das Zulassungsverfahren viel zu schnell ging?


Wir haben seit vielen Jahrzehnten Erfahrungen mit Impfungen und wissen, wie Impfungen funktionieren und mit welchen Reaktionen man zu rechnen hat. Erstens hat man natürlich auf die jahrzehntelange Erfahrung zurückblicken können. Zweitens gibt es zwei ähnliche Viren wie das jetzige Coronavirus: SARS und MERS. Bei diesen Viren hat man bereits sehr früh versucht, Impfungen herzustellen, und erforscht, welche Virusstruktur vom menschlichen Immunsystem erkannt wird. Bei der aktuellen Impfstoffentwicklung konnte deshalb Zeit gespart und auf Basis der vorher erzielten Forschungsergebnisse unmittelbar mit der Entwicklung des Impfstoffs gegen SARS-CoV-2 (Covid-19) begonnen werden. Die Impfstoffentwicklung ist außerdem nach allen „Regeln der Kunst“ und den üblichen Vorgaben erfolgt. Die Entwicklung läuft über mehrere Phasen, in welchen unter anderem die Verträglichkeit untersucht wird. Dabei wird auf Nebenwirkungen oder Impfreaktionen sowie auf die Wirksamkeit des Impfstoffs geachtet. Die beiden Impfstoffe, die derzeit zugelassen sind (Anmerkung: BioNTech/Pfizer und Moderna) wurden an über 35.000 Menschen untersucht. Man hat also ein umfassendes Bild darüber, was diese Impfstoffe im Hinblick auf denSchutz vor einer Infektion leisten können und mit welchen Nebenwirkungen oder Impfreaktionen man rechnen muss.

... dass der mRNA-Impfstoff das Erbgut verändert?
Das ist unrichtig. Die mRNA-Impfstoffe enthalten nur eine Boteninformation. Man kann sich das wie einen Brief vorstellen: Der Brief wird weitergegeben und man kann von ihm ein Protein ablesen. Diese Boteninformation betrifft nur einen kleinen Teil des Virus: das Oberflächen- oder „Spike“-Protein. Dieses wird dem Immunsystem „angeboten“. Dadurch entwickelt das Immunsystem eine Immunreaktion sowie ein „immunologisches Gedächtnis“. Die mRNA ist sehr kurzlebig und kann nicht in unsere Erbinformation eingebaut werden. Deswegen kann die mRNA-Impfung auch unser Erbgut nicht verändern.

.... dass der Impfstoff in Summe zu große Risiken und Nebenwirkungen birgt?
Bei Impfungen muss man zwei Dinge unterscheiden. Einerseits die Impfreaktion, die relativ rasch auftritt und mit Fieber oder lokalen Schmerzen sowie einer gewissen, vorübergehenden Schwäche einhergehen kann. Das ist eine normale Reaktion des Immunsystems. Dann gibt es andererseits Nebenwirkungen, die meistens im Zeitraum von bis zu vier Wochen nach der Impfung auftreten können. Bei den derzeit zugelassenen Impfstoffen hat man diesbezüglich kein spezifisches Signal gesehen. Bei jeder Impfung oder auch jedem Medikament, das auf den Markt kommt, kann es in seltenen Fällen auch zu spät auftretenden Nebenwirkungen kommen, die dann entsprechend dokumentiert und nachverfolgt werden müssen. Ferner wird von den Arzneimittelbehörden eine Nachbeobachtung bei allen Zulassungen vorgeschrieben, um nicht nur die Wirksamkeit über Zeit, sondern auch seltene Nebenwirkungen, die vielleicht mit einer Häufigkeit von 1 : 10.000 auftreten, zu erfassen.

… bzw. sich fragen: „Was bringt diese Impfung, wenn ich das Virus trotzdem weitergeben kann?“ Das Ziel der Impfung ist in erster Linie, dass die oder der Geimpfte geschützt wird.
Da hat sich bei den mRNA-Impfstoffen gezeigt, dass der Schutz in 95 Prozent der Fälle eintritt. Was wir noch nicht wissen, ist, wie lange dieser Schutz anhält und ob die Impfung auch vor einer Weitergabe der Infektion schützt. Das Prinzip einer Impfung ist es, die Ausbreitung eines Erregers – in diesem Fall des Virus – im Körper zu verhindern. Das heißt, dass ich auch nach einer Impfung Viren aufnehmen kann, wenn mich jemand ansteckt. Mein Immunsystem kann aber aufgrund des Gedächtnisses (siehe oben), das durch die Impfung geschaffen wird, das Virus neutralisieren und eliminieren. Derzeit wird genau untersucht, ob die Impfung auch verhindert, dass ich nach neuerlichem Viruskontakt für andere ansteckend bin, oder nicht.


 

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